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Brot und Spiele

Eine wenig überraschende Nachricht: Gestern hat die Fußball-WM begonnen. Ich freue mich trotz der Begleitumstände, die man ja eigentlich nur mit viel Zynismus als Begleitumstände bezeichnen kann - Funktionäre und Politiker, die aus der Korruption eine Art Volkssport gemacht haben, unterbezahlte Arbeiter, die sich bei unnötigen und überteuerten Stadionbauten zu Tode schuften, Tausende von armen Schluckern, die aus ihren Favelas geprügelt werden, um Platz für Parkplätze zu schaffen. Dazu noch die dummdreisten Kommentare sog. Fußballlegenden und angeblicher Volkshelden, die es als "normal" bezeichnen, dass es Tote und Verprügelte gegeben hat (Pelé) oder Mißstände durch dusselig-naive Oneliner einfach wegleugnen ("Ich habe in Katar noch keinen einzigen Sklaven gesehen" - Franz Beckenbauer im Hinblick auf die Vorbereitungen der WM 2022 unter unmenschlichen Bedingungen). Ich schreibe das, weil ich, auch wenn sie mir noch nicht verpasst wurde, die "andeinenhändenklebtdannauchblut" und "wie kann man nur" Keule bereits über mir kreisen fühle.

Man kann kaum seine Jugend auf Sportplätzen teilverplempert haben, ohne mit Spannung und Vorfreude auf eine Fußball-Weltmeisterschaft vorauszublicken, auch wenn sie von einem verbrecherischen, mafiösen und menschenverachtenden Konzern veranstaltet und von ignoranten, dümmlichen und augenverbundenen Funktionären verwaltet wird.
Fußball ist, wenn man eine minimale Begabung mitbringt, sicher eine der einfachsten schönen Dinge, die es gibt, man braucht fast nichts und bekommt dafür einiges (vorübergehende Befreiung, begrenztes harmloses Glück, Gemeinschaft). Man soll zwar den Erfolg wollen, aber nur um seiner selbst willen und nicht um jeden Preis, vor allem nicht um den der Auslöschung und unfairen Ausschaltung anderer.

Das Problem ist nun, dass eine Organisation wie die FIFA, im Verbund mit Fernsehsendern, Getränke- und Sportbekleidungsherstellern, Regierungsorganisationen usw., den Fußball zum einen vollständig kapitalisiert und eigentlich nur als Vorwand benutzt, um andere Interessen (Macht, Einfluss, Geld, das Übliche) zu verfolgen, zum anderen aber nicht so weit geht, die Möglichkeit echter, authentischer und magischer Momente völlig auszuschalten. Das befördert den Genuss trotz des sicheren Wissens um den Irrsinn, der sich nicht nur im Hintergrund, sondern im Kern des Geschehens abspielt, und das erschwert den effektiven Widerstand, die Verweigerung weiterzuschauen, den Boykott. Im Radsport z.B. ist das anders, dort ist die Popularität des Sports durch die anhaltenden Doping-Skandale wirklich bedroht, und so wird der Weg zu Reformen zumindest ein wenig wahrscheinlicher.
Wenn die Arbeitsverhältnisse in Katar angeprangert werden, dann nicht aus Mitleid oder Solidarität, sondern weil man befürchtet, dass die Situation dem Ruf des Fußballs schaden könnte. Wenn die Proteste in Brasilien gewürdigt werden (wie von Scolari, immerhin), dann folgt sofort der Verweis, dass man sie doch bitteschön auf nach der WM verlegen soll, um die Vorbereitungen der Brasilianer nicht zu hemmen.

Immer geht es darum, die Abläufe nicht zu stören. Reibungslos muss alles sein, als ob Reibung nicht eine notwendige Vorbedingung relevanter sportlicher Performance sei. Das Ganze dabei oft in einem Tonfall der an Zynismus grenzenden Hypernaivität. Man denkt (in einem anderen, aber doch vergleichbaren Kontext) noch nicht einmal darüber nach, welche Unmenschlichkeit in einer Aussage stecken kann, die nach dem Unfall im deutschen Trainingslager versichert, dass man hochkonzentriert und ruhig weitergearbeitet habe. Man geht anscheinend wirklich davon aus, dass der deutsche Fußballfan auf eine solche Aussage hin beruhigt aufatmet und sich sagt: „Gott sei Dank, der schusselige, überfahrene Wandersmann in Südtirol hat unsre Jungs nicht aus dem Gleichgewicht gebracht!“ (Und man liegt mit dieser Vermutung höchstwahrscheinlich, leider, nicht unbedingt falsch.)

Brot und Spiele - und wir alle sind irgendwie dabei. EM 2012: Die Regierung Merkel nutzt die öffentliche Ablenkung durch die Fussball-EM zu einem grandiosen Anschlag auf unsere Datenrechte und gibt den Adresshandel gesetzlich frei, alle Meldeämter dürfen unsere Adressdaten verkaufen. Die Abgeordneten, die Medien scheren sich nur um die Fussball- EM 2012, keiner muckt auf. Vielleicht ist das ja ein gutes Beispiel für die wirklich Rolle solcher Vveranstaltungen. Die FIFA würde es natürlich kaum kratzen, wenn ich mich dem Spektakel demonstrativ versage. Selbst wenn mir das 86 Millionen Deutsche gleich tun würden, dann wären da immer noch 2 Milliarden andere Menschen, die sich unterhalten lassen.
Ich werde mir ein paar Spiele ansehen, ein paar nicht, und mich zum x-ten Mal über die Nano-Slomos aufregen, die jeden Körperkontakt so aussehen lassen wie ein von langer Hand geplantes Attentat auf Leib und Leben des Gegners. Zwischendurch vermutlich immer wieder youtubend in Erinnerungen an vergangene WM Turniere schwelgen, bei denen der Fussball seine Unschuld jedenfalls noch nicht komplett verloren hatte. Das ist vielleicht nicht der Königsweg, aber den habe ich eben einfach noch nicht gefunden.
13.6.14 10:00
 


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